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"Filigranes zwischen Tür und Angel"
Südkurier, 18.05.2007

Böhringer Künstlerin Victoria Graf - ein Leben zwischen Labor, Malen und Saft ausschenken

Der Bodensee liegt in Einzelteilen eines Puzzles noch unfertig beieinander, während der Zeppelin die ersten Teile mit sich zieht - an feinen Bindfäden. Daneben geben kleine Pfeile mögliche Lösungsvarianten, die sich aber schnell in sich selbst auflösen. Mit feinem Strich zeichnet Victoria Graf das Bodenseepuzzle, ohne eine Auflösung zu bieten.
Oder ist es doch eher der Hang der Böhringerin, den See manchmal aus der Einsamkeit herauszuholen und in die Nähe pulsierenderer Städte zu verlegen - Stück für Stück oder wie in anderen Bildern auch einfach mal im Ganzen? Böhringen ist ja nicht gerade der Nabel der Welt. Und Victoria Graf weiß, dass sie als Künstlerin einen anderen Weg gehen könnte, wenn sie in eine Stadt wie Stuttgart ziehen würde. Aber hier lebt ihre Familie, hier hat die geborene Göttingerin Wurzeln geschlagen. Zudem gefällt ihr der See und die Landschaft, auch wenn sie Wasser an sich hasse. Außerdem sei die Kunstszene hier auch nicht die schlechteste, wie sie anmerkt.
Victoria Grafs Arbeiten sind überwiegend grafisch geprägt, mit einem Schuss Humor. "Damit bin ich bekannt geworden", erzählt die Künstlerin im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Seit acht Jahren arbeitet sie professionell als Künstlerin. Und wer zum Beispiel während der Radolfzeller Kulturnacht in der Pakethalle war, wird sich an Victoria Graf erinnern.
In ihren kleinformatigen Werken findet jeder Bekanntes, Neues, Aussagekräftiges oder Banales, versteckt oder offen, aber immer skurril. Victoria Graf schaut hin, erkennt und malt dann doch, was ihr gerade in den Sinn kommt oder einfach aufs Papier muss. Für den Betrachter gibt es in ihren Grafiken vieles zu entdecken, ohne bedeutungsvolle Botschaften entschlüsseln zu müssen. Sie sind nicht anstrengend, sondern interessant und reizen durch die filigrane Ausführung und nicht zuletzt durch ihren Witz. Ideen? Victoria Graf winkt lässig ab, die hätte sie mehr als genug. Und wenn es doch mal hakt, dafür hätte sie ihre Sammelkiste, wo alles landet, was Inspirationen liefert. Die gelernte Chemielaborantin experimentiert dabei gerne, eben nicht nur im Labor. Naturwissenschaft und Kunst, das scheint gut miteinander zu harmonieren, wie sie sich ihre beruflichen Vorlieben erklärt. Nach diversen Fortbildungen und dem Studium der künstlerischen Grafik ergänzt sie jetzt ihr Schaffen mit weiteren Techniken wie Acryl, Linolschnitt, Mischtechniken oder auch durch Tonarbeiten. Sie schränkt sich dabei nicht ein, probiert aus und verwirft, ohne Angst vor Neuem. Dabei drängt es sie oft an die Leinwand zwischen Tür und Angel, zwischen Pflaster verteilen und Saft ausschenken, wie sie daneben über ihren Alltag als Mutter berichtet, um das zu verarbeiten, was ihr gerade durch den Kopf geht. Die Ruhe braucht sie zum Malen nicht, eher den Druck und ein Ziel. Dann sprudeln die Ideen und das Leben beginnt - auch im ruhigen Böhringen.
Wer Victoria Graf künstlerisch erleben möchte, kann dies vom 24. Mai bis zum 18. Juni im Kurmittelhaus auf der Mettnau. (Antje Kirsch)